Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Blankwaffenforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

1

Freitag, 13. März 2020, 20:32

Dragonerpallasch nach Kantonaler Ordonnanz Bern 1769

Seit dem zweiten Villmerger Krieg 1713 bauten die grossen Kantone Zürich und Bern moderne Armeen auf die gegliedert waren in Infanterie, Artillerie und Dragoner und entsprechend mit Degen, Säbeln und Weidmessern ausgerüstet waren. Im Frühling 1767 reiste der in preussischen Diensten zum Generalmajor aufgestiegene Rupertus Scipio von Lentulus wegen einer Erbschaftsangelegenheit nach Bern. Von ihm wollten die Berner wissen, wie gut sie wirklich ausgerüstet waren. Sie organisierten ein Übungslager und Lentulus nahm sich viel Zeit für seine Eindrücke der bernischen Miliz und für Verbesserungsvorschläge, die er in zwei Denkschriften festhielt.

1768 wurden die Dragonerregimenter nach den Vorschlägen von Lentulus neu formiert. Es entstanden vier Dragonerregimenter, die eigene Stammbezirke erhielten. Jedes Regiment umfasste 4 Kompanien zu je 50 Dragonern. Weiter wurde ein berittenes Jägercorps formiert, bestehend aus zwei Kompanien „Chevauxlegers“ zu je 50 Reitern. Total also 900 Berittene, ohne Hauptleute und Stäbe.

Nach zwei Jahren Evaluation beschloss der bernische Kriegsrat als wesentliche Neuerung, eine vollständige preussische Dragoner Armatur aufzukaufen. Mit der Lieferung der Musterexemplare im März 1769 erscheint erstmals Mathias Wilhelm Pistor aus Schmalkalden, Hessen, „Entrepreneur einer Gewehr Fabrique“[1]. Er brachte die Musterexemplare persönlich nach Bern und es gelang ihm, mit den „Gnädigen Herren von Bern“ einen Grossauftrag für die Lieferung von je 1000 Dragoner Armaturen, bestehend aus 1000 Carabiner, 2000 Pistolen und 1000 Pallaschen abzuschliessen. Zu den in den Jahren 1769 bis 1777 von Pistor gemäss Vertrag gelieferten Waffen bemerkte der Zeugbuchhalter 1776: „Es ist nun mit diesem ein completer vorrath armatur für alle 4 Regimenter und 2 detachirte Compagnies Dragoner und dazu ein Überschuss von 100 completen armaturen“. Das heisst im Klartext, dass die Armaturen für den Sollbestand von 900 Dragonern und eine Reserve von 100 im Zeughaus angekommen waren.

Natürlich hat sich die Organisation der Bernischen Reiterei nach 1768 weiter verändert. Bereits 1767 hatte Lentulus zusätzlich eine Erhöhung der Dragonerkompanien von 50 auf 60 Mann angeregt, die jedoch nie bis zum Sollbestand realisiert wurde. In den Jahren 1793/94 und 1796 wurden zusätzlich zu den Pistor Pallaschen noch 420 Pallasche von der Firma Weyersberg in Solingen angekauft.

Mit der Ankunft im Zeughaus waren die Pallasche aber noch nicht bei der Truppe angekommen. Erstaunlich ist, dass von den angeschafften Pallaschen in den 10 Jahren zwischen 1780 und 1790 nur 35 Pallasche vom Zeughaus an die Regimenter verkauft werden konnten. 1791 bis 1797 wurden dann doch 505 Pallasche verkauft. Der harzige Verkauf mag am damaligen Finanzierungsmodus der Berner Miliz gelegen haben. Die Ausrüstung eines Dragoners war für private Bauern eine Art Grundlast oder eine Art indirekte Steuer für Gemeinden. Der Lentulus Pallasch war eine teure Waffe, Private und Gemeinden zogen es deshalb noch lange vor, den billigeren „Reuterdegen nach alter Façon anzuschaffen“. Ein anderer Grund mag darin gelegen haben, dass der Lentulus Pallasch eine professionelle Reiterwaffe war, ideal für den Angriff mit blanker Waffe zu Pferd. Die bernischen Dragoner waren aber in Wirklichkeit eine berittene Infanterie Truppe, denn für eine professionelle Ausbildung einer Reitertruppe fehlten Geld, geeignete Gestüte mit Dressurausbildung und natürlich eine entsprechend lange Ausbildung der Reiterformationen. Im Jahre 1796, am Vorabend der Invasion durch französische Revolutionstruppen, verfügte das Zeughaus Bern immer noch über einen Vorrat von 831 Pallaschen Ordonnanz 1769. Mit der Plünderung des Zeughauses Bern verschwanden die meisten Pallasche in französischen Depots. Es ist möglich, dass die 1803 wieder zurückgegebenen Pallasche bei den Chevaulegers der Stadtlegion Bern 1804/1806 weiter verwendet wurden.

Die Bilder zeigen einen typischen Lentulus Pallasch mit original erhaltener Scheide. Eigentlich ist es eine Hybridwaffe: Ein typisches Pallaschgefäss, jedoch mit einer Säbelklinge. Das Gefäss hat eine offensichtliche Ähnlichkeit mit dem altpreussischen Dragonerdegen Modell 1735. Der Preusse war in aus Eisen geschmiedet, das Pistor Gefäss ist jedoch aus Messingguss, die einzelnen Teile sind zusammengelötet. Markanter Halbkugelknauf mit Halsansatz, grosser Vernietknauf. Terzbügel mit ovalem einseitigem Stichblatt. Quartseitig ein leicht geschweifter waagrechter Bügel mit innen angelötetem Daumenring. Griff stark gerippt und beledert mit Messingdrahtwicklung. Hauptbügel und zwei Seitenbügel, die vom Terzbügel bis zum Knauf reichen. Die Bügel sind im Knauf eingehakt. Eine diagonale Spange verläuft vom Hauptbügel zu den beiden Seitenbügeln, im Schnittpunkt Scheibe mit Gravur von Regiment, Kompanie und Waffennummer. Klinge nach Art einer Montmorency Klinge mit beidseitigem Hohlschliff und Rückenrinne. Die Klinge ist 97 cm lang, an der Wurzel 32 mm breit und mächtig, denn der Rücken ist an der Wurzel 11 mm breit. Die Scheide ist aus schwarzem Leder, und die zwei Garnituren – Mundblech und Stiefel - sind aus Messing hergestellt. Auffällig ist der solide dicke Boden des Stiefels.

Auf der Scheibe ist die Truppeneinteilung angegeben. Die Regimenter sind in vier Stammbezirke aufgeteilt. Die Regimentsnummer wird in Grossbuchstaben angegeben. Regiment C bedeutet Regiment drei, der Stammbezirkbestand aus Teilen des Oberen- und Unteren Aargau: Wangen, Bipp (Kompanie 2),Aarwangen, Aarburg, Teile des Amtes Lenzburg und Zofingen. Compag D bedeutet vierte Kompanie, dieser Pallasch trägt die Nummer 174. Das ist logisch, denn jedes Regiment hatte vier Kompanien à 50 Reiter. Die vierte Kompanie vereinte die Reiter N° 151 – 200.

Dieser Pallasch präsentiert sich in seltener Vollständigkeit, die die originale Scheide ist erhalten. In der Vergangenheit kamen bei der Galerie Fischer in Luzern oder Galerie Stuker Bern hin und wieder Berner Pallasche 1769 in die Auktion, aber immer ohne Scheide. Quelle: Jürg A. Meier, Steinschlosskarabiner, Steinschlosspistole und Pallasch nach kantonaler Ordonnanz 1769, Bern. Manuskript



[1]
Pistor hat auch Weidmesser für die Scharfschützen geliefert. Sie sehen gleich aus wie die Zürcher Weidmesser Modell 1770/78: Glatte gerade Rückenklinge, Griffschalen aus Horn mit drei unterschiedlich grossen Messingnieten befestigt, kölbchenförmige Parierstangenarme. Bezeichnung PISTOR an der Wurzel (Depot Historisches Museum BE).
»schmiede39« hat folgende Bilder angehängt:
  • 99er 015.JPG
  • 99er 014.JPG
  • 99er 016.JPG
  • 99er 017.JPG
  • 99er 018.JPG
  • 99er 019.JPG
  • 99er 020.JPG
  • 99er 021.JPG
  • ricardo Mitte März 027.JPG
  • ricardo Mitte März 028.JPG
  • ricardo Mitte März 029.JPG
  • ricardo Mitte März 030.JPG

Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von »schmiede39« (30. März 2020, 20:22)


2

Samstag, 14. März 2020, 11:29

Gratulation, endlich mal ein Beitrag mit vernünftiger Hintergrundinformation!!!!!!!!!!

3

Samstag, 14. März 2020, 17:20

Meine Glückwünsche zu diesem sagenhaften Stück. Und dann noch die Originalscheide!!!!!!! :thumbsup:
Davon kann ich nur träumen. Merci fürs zeigen.